Oriana Pardini (SP) und Mathias Müller (SVP) diskutieren wöchentlich aktuelle Fragen.
Quelle: Nik Egger/ade

Links gegen Rechts

Leihmutterschaft: Soll das Verbot fallen?

Soll die Schweiz Leihmutterschaft zulassen oder verbieten? Darüber streiten Oriana Pardini (SP) und Mathias Müller (SVP).


Oriana Pardini (SP)|Mathias Müller (SVP)
Publiziert: 3. August 2026, 06:00 Uhr

 

Oriana Pardini: «Das ist keine Emanzipation, sondern die wohl intimste Form der Ausbeutung eines Menschen.»

Die Forderung, die Gesetze zur Leihmutterschaft in der Schweiz zu lockern, wird oft mit dem Wunsch nach Gleichbehandlung und Selbstbestimmung begründet. Doch gerade eine moderne und aufgeklärte Gesellschaft sollte sich fragen, welchen Preis sie dafür zu zahlen bereit ist.

Ein unerfüllter Kinderwunsch verdient Mitgefühl. Doch aus einem Kinderwunsch entsteht kein Recht auf ein biologisch eigenes Kind. Kinder sind keine bestellbare Ware und Fortpflanzung darf nicht nach den Regeln eines Marktes organisiert werden. Gerade die Beziehung zwischen Mutter und Kind gehört zu den persönlichsten und schützenswertesten Bereichen unseres Lebens. Sie zu ökonomisieren, widerspricht der Menschenwürde.

Oft wird eingewendet, eine Adoption sei keine Alternative. In der Schweiz werden jährlich rund 300 Adoptionen ausgesprochen, der weitaus grösste Teil davon sind jedoch Stiefkindadoptionen, also die Adoption des Kindes der Ehepartnerin oder des Ehepartners. Zur Adoption freigegeben werden hingegen nur sehr wenige Kinder, meist nur eine geringe Zahl an Neugeborenen.

Europa- und weltweit leben jedoch Millionen Kinder ohne ein dauerhaftes familiäres Zuhause. Wer einem Kind ein Zuhause schenkt, übernimmt Verantwortung für ein bestehendes Leben, statt einen Markt für reproduktive Dienstleistungen zu fördern.

Eine liberale Gesellschaft zeichnet sich nicht dadurch aus, dass alles möglich wird, was technisch machbar ist. Ihre Stärke zeigt sich dort, wo sie Grenzen zieht, um die Würde des Menschen schützen.

Mathias Müller: «Ein moderner, pragmatischer Staat muss die gesellschaftliche Realität anerkennen, statt aus Bequemlichkeit die Augen davor zu verschliessen.»

Der Blick auf die leere Wiege schmerzt. Der Wunsch nach eigenen Kindern ist kein oberflächliches Konsumgut, sondern ein tiefgreifendes menschliches Bedürfnis. Wer dieses Familienglück selbstverständlich erleben darf, sollte zurückhaltend sein mit schnellen moralischen Zeigefingern gegenüber jenen Paaren, denen die Natur diesen Weg schmerzhaft versperrt.

Das heutige pauschale Schweizer Verbot löst in der Realität kein einziges Problem. Es verhindert Leihmutterschaften nicht, sondern führt lediglich dazu, dass betroffene Paare, die genügend Geld haben, ins Ausland ausweichen – oft in rechtsfreie Räume und ethisch bedenklich regulierte Märkte. Ein moderner, pragmatischer Staat muss die gesellschaftliche Realität anerkennen, statt aus Bequemlichkeit die Augen davor zu verschliessen. Wo mündige Bürger eigenverantwortlich handeln, hat sich die Politik grundsätzlich zurückzuhalten. Der Staat muss jedoch genau dort griffige Grenzen ziehen, wo die Grundrechte von Schutzlosen berührt sind: jene der Kinder.

Deshalb braucht es in der Gesetzgebung eine klare und nüchterne Differenzierung: Wir sollten die gestationelle Leihmutterschaft zulassen: Stammen Eizelle und Samen vollumfänglich von den Wunscheltern und wird das Kind von einer anderen Frau lediglich ausgetragen, fallen genetische und soziale Elternschaft nahtlos zusammen. Werden solche Fälle im Inland unter strengen Auflagen legalisiert, schaffen wir volle Transparenz und schützen alle Beteiligten wirksam vor Ausbeutung. Klare Grenzen verlaufen jedoch dort, wo fremde Eizellen oder Samen verwendet werden oder die Leihmutter gleichzeitig die biologische Mutter ist. In diesen Konstellationen verbleiben für das Kind ungeklärte Fragen nach seinen biologischen Wurzeln. Ein Mensch hat ein fundamentales Recht auf Kenntnis seiner eigenen Abstammung – ein essenzielles Interesse, das ein Neugeborenes im Moment der Entscheidung nicht selbst vertreten kann.

Wo Moral und Religion zu unterschiedlichen Antworten kommen, braucht es liberale Nuancen statt ideologischer Scheuklappen. Die gestationelle Leihmutterschaft mit eigenen Genen gehört im Inland legalisiert – damit aus der leeren Wiege endlich ein Ort des Familienglücks wird, ohne dass die Herkunft des Kindes im Dunkeln bleibt.

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