Oriana Pardini (SP) und Mathias Müller (SVP) diskutieren wöchentlich aktuelle Fragen.
Quelle: Nik Egger/ade

Links gegen Rechts

Pardini vs. Müller: Ist die neue Verkehrsführung am Bahnhof schlecht für das Gewerbe?

Wenn es um die neue Verkehrsführung in Biel geht, sind sich Oriana Pardini (SP) und Mathias Müller (SVP) in einem Punkt einig.


Oriana Pardini (SP)|Mathias Müller (SVP)
Publiziert: 24. August 2026, 06:00 Uhr

 

Oriana Pardini: «Wer ein Gewerbe betreibt, verdient Respekt.»

Die neue Verkehrsführung erhitzt die Gemüter. Wer für eine Strecke, die früher zehn Minuten dauerte, heute dreimal länger braucht, weil die Verkehrsführung rund um den Bahnhof geändert wurde, darf Fragen stellen.

In der Debatte über die Zukunft der Innenstadt sollte es um mehr gehen als um politische Grundsätze. Die Auswirkung der neuen Verkehrsregeln sollten alle interessieren.

Die Politik sollte Fakten schaffen. Wie hat sich die Kundenfrequenz verändert? Wie entwickeln sich die Umsätze? Funktionieren Lieferungen noch reibungslos? Welche Rolle spielt die Erreichbarkeit der Parkhäuser?

Eine Untersuchung wäre kein Votum gegen eine autofreie oder verkehrsberuhigte Innenstadt. Sie könnte zeigen, wo die Probleme liegen. Wenn die Verkehrsführung kaum Einfluss auf die Umsätze hat, wäre das ebenso wichtig wie der Nachweis einer Belastung für bestimmte Betriebe.

Wer ein Gewerbe betreibt, verdient Respekt. Unternehmerinnen und Unternehmer investieren eigenes Geld, schaffen Arbeitsplätze und tragen ein erhebliches Risiko. Sie machen eine Stadt lebendig und attraktiv und leisten mit ihren Steuern einen Beitrag an die Gemeinschaft.

Das verpflichtet die Politik nicht, jede Forderung zu erfüllen. Es verpflichtet sie aber, die Anliegen des Gewerbes ernst zu nehmen. Dazu gehört ein Verkehrskonzept, das politisch überzeugt und im Alltag funktioniert, für Fussgängerinnen, Velofahrende, den öffentlichen Verkehr, Autofahrende und vor allem jene, die auf funktionierende Lieferwege angewiesen sind.

Eine attraktive Innenstadt braucht nicht mehr Autos. Sie braucht aber gute Erreichbarkeit. Wer einkaufen, arbeiten oder Dienstleistungen nutzen will, sollte ohne unnötige Hürden ans Ziel kommen.

In dieser Angelegenheit sollte nicht die Frage stehen, ob eine Forderung von links oder rechts kommt. Entscheidend ist, ob sie der Stadt nützt.

Dafür braucht es weniger Lagerdenken und mehr Daten. Wer das Gewerbe ernst nimmt, sollte hinschauen, Daten erfassen und Konsequenzen ziehen, wenn die Fakten es verlangen.

 

Mathias Müller: «Wer das Gewerbe stranguliert, rettet die Stadt nicht – er ruiniert sie.»

Wer sich ans Steuer setzt und die Augen verbindet, baut unweigerlich einen Crash. Im Strassenverkehr ist dieser Blindflug strengstens verboten – in der Bieler Verkehrspolitik hingegen ist er längst zur bevorzugten Methode geworden.  

Das Fahrverbot vor dem Bahnhof ist keine Verkehrspolitik, es ist ein ideologisches Foul am Gewerbe. Die Folgen: gekappte Achsen, mühsamer Umwegverkehr und schwindende Kundschaft. Der Frust der KMU ist absolut berechtigt. Denn welcher Schreiner karrt seine Kreissäge schon auf dem Lastenvelo zum Kunden? Und unsere auswärtige Kundschaft wird ihre Wocheneinkäufe in Gottes Namen kaum im Fahrradkorb nach Hause strampeln.

Doch wie reagiert der Gemeinderat auf einen Vorstoss, der endlich harte Fakten forderte? Mit einer Ausrede, die man sich auf der Zunge zergehen lassen muss: Man könne die Folgen der eigenen Politik nicht messen, weil schlicht die Vergleichsdaten fehlten. Ein Pilot, der sein Flugzeug ohne funktionierende Instrumente und Daten durch den Nebel steuert, stürzt gnadenlos ab. Doch der Gemeinderat weigert sich beharrlich, das Radar überhaupt erst einzuschalten. Obwohl man absichtlich im Dunkeln tappt, posaunt die Regierung stur, die Erreichbarkeit des Zentrums sei «sehr gut». Bieler Belege? Fehlanzeige.

Wo lokale Daten fehlen, wird kurzerhand in die Trickkiste gegriffen: Man zitiert Studien aus Berlin oder Nancy. Es sei «sehr wahrscheinlich», dass Biel ähnlich ticke. Wie praktisch: Man importiert sich die passende Realität aus dem Ausland, weil Zählungen vor Ort die rot-grüne Illusion platzen lassen könnten.

Die Botschaft der SP-geführten Regierung ist fatal: Ideologische Gewissheit schlägt Fakten. Die Konsequenzen für Geschäfte und Pendler sind zweitrangig. Doch wer das Gewerbe stranguliert, rettet die Stadt nicht – er ruiniert sie. Es wird höchste Zeit, dass der Gemeinderat die Augenbinde abnimmt, bevor er den Werkplatz Biel im Blindflug endgültig an die Wand fährt.

2 Kommentare

Stefan Rüber

Ich finde es frech, wie zwei Personen (aus Orvin, aus Lyss) unserer Stadtregierung unterstellen, dem lokalen Gewerbe gegenüber keinen Respekt zu zeigen und es nicht ernst zu nehmen. Beide vergessen ausserdem zu erwähnen, dass das Postulat ein Moratorium sämtlicher Verkehrsmassnahmen forderte. Fruchtbarer für die Diskussion wären konkrete Vorschläge, die die Bedürfnisse des lokalen Gewerbes sowie die Ziele, die sich die Stadt zurecht gegeben hat, beide berücksichtigen.

Positiv: 20 / Negativ: 31

 

Peter Daniel Schultheiss

@Stefan Rüber Herr Rüber, niemand bestreitet die Ziele einer verkehrsberuhigten Innenstadt. Doch gut gemeint genügt nicht: Entscheidend ist, ob die neue Führung für Anwohner, Kundschaft, Lieferanten und Gewerbe funktioniert. Wer für kurze Fahrten heute dreimal länger braucht, darf Kritik äussern. Das Moratorium war kein Nein zu Verbesserungen, sondern der Ruf nach einer Atempause: Folgen prüfen, Betroffene anhören, gezielt nachbessern. Nötig sind Messungen von Fahrzeiten, Gespräche mit Betrieben sowie bessere Zufahrten, Signalisation und Anlieferung. Das Gewerbe braucht Erreichbarkeit statt Belehrungen.

Positiv: 25 / Negativ: 14

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